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Warum mein erster Marathon nicht mein letzter gewesen ist!


Nicht noch ein nullachtfuffzehn-laufbericht


Auf vielen Blogs kannst Du derzeit Berichte über absolvierte Marathons lesen. Bis ins kleinste Detail wird der gesamte Rennverlauf analysiert, Zeiten werden gepostet und erklärt. Ein mancher wird bereits jetzt in die Zukunft blicken und niederschreiben, was beim nächsten Marathon anders oder besser werden soll.

 

Auch ich hätte fast so einen Bericht geschrieben, wäre da nicht mein Blogeintrag über den Leistungsdruck im Hobby-Laufsport entstanden. Du möchtest den Artikel lesen? Dann klicke hier. 

 

Ein Marathon macht für mich mehr aus, als Zeiten oder Pace-Angaben. Das habe ich für mich am 29.04.2018 festgestellt. Du wirst also in meinem Marathon-Bericht auf Daten verzichten. Dafür bekommst Du in diesem Artikel erzählt, wie sich ein Marathon anfühlt, was man an Eindrücken aufsaugen kann und wieso es beim Marathon nicht immer auf eine zeit ankommt.

 

Du bist neugierig, was nun kommt? Toll, dann lese einfach weiter. 


eine illusion muss ich dir vorab nehmen


Auch wenn es in diesem Artikel nicht um Statistiken gehen wird, nehme ich Dir eine Illusion: einen Marathon läufst Du nicht "einfach mal so". Verboten ist es natürlich nicht, aber Dein Körper wird es Dir nicht danken, wenn Du es versuchen solltest.

 

Bereits bei meiner Anmeldung zum Marathon musste ich eine Frage im Anmeldebogen beantworten, die sich auf eine Zielzeit bezog. Das ist gängig, denn bei großen Veranstaltungen legst Du damit fest, in welchem Startkorridor Du Deinen Lauf beginnen wirst. 

 

Bist Du gemütlicher unterwegs, startest Du daher weiter hinten, um so die flottere Läufer nicht zu behindern. 

 

Seit dem 8.1.2018 hab ich nach einem Plan trainiert. Der Plan schrieb vor, wann ich was und wie viel und mit welchem Tempo zu laufen haben. Der Plan hat auch ein mögliches Zeitziel vorausgesagt. Ich selber habe mir diese Zeit aber nie auf meinen Wunschzettel geschrieben.

 

Gesund ankommen, Spaß haben und im Ziel noch lächeln können - so wollte ich meinen ersten Marathon absolvieren.

 

Mit dieser Einstellung, die ich von Beginn an immer vertreten habe, nahm ich mir im Vorfeld des Marathons jede Menge Druck. 

 

Das Training bereitete mir immer Spaß und war für mich jederzeit in meinem Alltag integrierbar. Besser hätte ich meine Vorbereitung nicht absolvieren können.

 

 


Aufregung, es-nicht-fassen-können und dann laufe ich los


Ja, ich war aufgeregt. aber im positiven Sinne. In der Aufregung lagen keine negativen Gedanken oder Selbstzweifel. Ich habe mir nie Gedanken über eine Verletzung während des Laufs gemacht oder gar über einen Abbruch. Freunde haben mich im Vorfeld gefragt, was ich denn mache, wenn ich nicht ankomme. Meine Antwort darauf, war immer dieselbe: Ich komme gesund und zufrieden ins Ziel. Eine andere Option wird es nicht geben. 

 

Mit diesen positiven Bildern im Kopf habe ich in der Nacht vor dem Marathon gut geschlafen, mein Frühstück schmeckte mir am Morgen und auch die Fahrt zum Veranstaltungsgelände verlief ruhig. Am Ort des Geschehens angekommen erwartete mich ein Gewusel an Menschen. Hier ein paar Tipps, wie Du am Wettkampftag Orientierungslosigkeit vermeidest;

  • Schau Dir am Tag vor einem großen Wettkampf an, wo was ist, denn das Gelände kann sehr weitläufig sein.
  • Studiere die Lagepläne vorab, damit Du wichtige Spots wie zum Beispiel Toiletten, Kleiderbeutelabgabe etc. nicht vor Ort zeitaufwendig suchen musst.
  • Bespreche vor dem Rennen mit Deiner Begleitung, wo Ihr Euch nach dem Zieleinlauf treffen woll

Nachdem ich also meinen Kleiderbeutel abgegeben hatte, ging es in Richtung Startkorridor "L". Von so weit hinten, konnte ich den Startbereich nur erahnen. Ich konnte es noch nicht fassen, dass ich mich gleich mit jeder Menge anderer Läuferinnen und Läufer auf den Weg machen würde. Gänsehaut pur. Die ganze Zeit. Ein Jahr habe ich auf diesen Tag gewartet, 16 Wochen trainiert, mein persönliches Umfeld mit Marathon-Gedöns zugeschwafelt. Begleitet werde ich von Andreas, der kurz vor dem Start noch ein Foto von mir macht. Dann verlässt er den Startbereich.

 

Plötzlich bewegt sich die Masse vor mir unruhig, es wird geklatscht und gejubelt, denn irgendwo ganz vorne fällt der Startschuss. Endlich geht es los. Es sollte aber noch fast zwölf Minuten vergehen, ehe ich die Startmatten überqueren konnte. Als es endlich so weit ist, freue ich mich auf den Lauf, auch wenn bereits jetzt die Sonne ohne jeglichen Wolken vom Himmel scheint. Na, mal schauen, wie ich das finden werde, denke ich mir, und setze laufend einen Fuß vor den anderen.


ist ja doch ganz gut warm


Dieser Gedanke begleitete mich von Kilometer 1 bis Kilometer 42. Die Wärme war eine absolute Herausforderung für mich - mein Endgegner. 

 

Dass gerade an diesem Wochenende der Sommer in Hamburg ausbrechen sollte, kam für viele Teilnehmer überraschend. Letztes Jahr hagelte und regnete es bei kalten Temperaturen. 

 

Was mache ich da jetzt? Trainiert hab ich im Winter. Meine Longruns fanden alle bei kalten Temperaturen statt. Mein Körper ist die Wärme noch nicht gewöhnt.

 

Anstatt in Panik zu geraten, hab ich es hingenommen und lief langsamer, als ich es mir vorgenommen hatte. Sobald ich das Tempo etwas forcierte, fing mein Kopf recht schnell an zu pochen - zu warm! Das war es mir nicht wert. Ich wollte gesund ins Ziel kommen und nicht mit einem schlappen Kreislauf irgendwo am Rand sitzen.

 

Ab Kilometer fünf gab es alle 2,5 Kilometer Wasser. Weltklasse! Jeden einzelnen Wasserstand habe ich mitgenommen. Dabei bin ich nicht hektisch an einen Tisch rangelaufen, sondern drosselte das Tempo, nahm mir in Ruhe einen Becher und trank gehend. Ja, gehend, weil ich mich laufend nur verschlucke. Wasser gab es auch für die Klamotten und den Kopf. Ins Ziel bin ich später klitschnass eingelaufen - mein Körper war aber so nicht überhitzt. 

 

Heute glaube ich, dass es gut war, gleich zu Beginn die Wärme einfach zu akzeptieren und es nicht zu übertreiben. Ändern konnte ich es nicht. Wir alle haben keinen Einfluss auf das Wetter. So hakte ich die Wärme bei mir unter und nahm sie einfach mit auf meine Strecke, anstatt sich über sie zu ärgern und so Energie zu verschwenden.

 

Bild by Renz Rotteveel


hamburg, meine perle


Für mich war es selbstverständlich, dass ich meinen ersten Marathon "zu Hause" laufen werde. Ich konnte in meinem eigenen Bett vorher schlafen und hatte keinen Reisestress vorher. Die Strecke des Hamburg-Marathons ist eine Sightseeing-Tour durch die schönste Stadt der Welt und die Stimmung an der Strecke ist hier meistens eine einzige große Party - was will ich mehr. 

 

Gestartet wird der Marathon auf dem Messegelände. Hier besteht mit den Messehallen genügend Platz für die Marathon-Messe, die Kleiderbeutelabgaben, für die Verpflegungszone im Zielbereich und, und, und. Trotz vieler Menschen kam es mir nicht "zu eng" oder "zu vollgestopft" vor.

 

Als erstes passiere ich die sündigste Meile der Welt - die Reeperbahn. Am Tag sieht es natürlich nicht ganz so spektakulär aus, wie nachts, aber dennoch stehen am Straßenrand noch ein paar Nachtschwärmer und feuern die Marathon-Meute an. 

 

Wir laufen Richtung Westen die ersten sieben Kilometer nur geradeaus. Bei dem schönen Wetter sind so viele Zuschauer an der Strecke, dass man immer irgendwo angefeuert wird. Verläuft die Strecke dicht an den Wohnhäusern vorbei, sieht man die Menschen an ihren offenen Fenstern beim Frühstück sitzen. Meistens bei lauter Partymusik.

 

Dann biegen wir zweimal links ab und laufen auf der Elbchaussee in Richtung Hafen und Landungsbrücken. Diesen Streckenabschnitt kenne ich, denn die Strecke beim Hella Halbmarathon verläuft hier ebenso. Das schöne Wetter beschert allen Läufern einen wunderbaren Blick in den Hafen, als wir den letzten Teil der Elbchaussee abwärts laufen - Gänsehaut.

 

Wir passieren den Fischmarkt und die Landungsbrücken. Auch hier stehen die Zuschauer dicht an dicht an der Absperrung. Jeder von uns Läufern wird hier angefeuert. Immer wieder höre ich auch meinen Namen, denn auf der Startnummer ist dieser für jeden ersichtlich draufgedruckt. Wie wichtig dieses "persönliche" Anfeuern ist, wird mir später auf der Strecke noch bewusster werden.

 

Vorbei an der Speicher-Stadt geht es nun Richtung Innenstadt. Dazu laufen wir durch den Wallringtunnel. Wir umlaufen die Binnenalster und haben dabei einen einzigartigen Blick auf die Alsterfontäne und auf die bekannteste Einkaufsmeile Hamburgs - den Jungfernstieg. Alles bei strahlendem Sonnenschein. 



An der Ostseite der Außenalster geht es in Richtung Halbmarathon-Marke zur Sierichstraße, wo ich mir wirklich kurz denke, dass ein Halbmarathon heute auch gereicht hätte. Diesen Gedanken streiche sofort wieder, schließlich liegt noch die Hälfte der Strecke vor mir. Auf geht´s. 

 

Die City-Nord wartet auf uns Läufer, aber vorher passieren wir noch den Hamburger Stadtpark - die grüne Lunge meiner Heimatstadt. In dem Park wird gegrillt, gelaufen und schwimmen gehen kann man auch im Stadtparksee. Außerdem steht hier das Hamburger Planetarium. In der City-Nord wird es kurzzeitig etwas ruhiger, was die Zuschauer angeht. Aber es ist nie ganz ruhig oder gar verlassen. Hier sieht man dafür vereinzelt Zuschauer, die mit Tischen und Stühlen an der Strecke sitzen. Sie trinken und essen und haben Wasser und Bananenstücke für die Läufer im Angebot. Auch ich hab mich bedient - Danke daher an Euch alle, die uns verpflegt haben. 

 

Irgendwo bei Kilometer 30 entdecke ich Andreas am Straßenrand und bleibe kurz stehen. Nicht, weil ich aufhören will, sondern, weil ich einfach kurz mit ihm quatschen möchte. Die gesamte Strecke über habe ich kaum mit jemanden gesprochen. Das musste einfach kurz sein. Andreas verrät mir, dass es "nur" noch 12 Kilometer bis zum Ziel sind und dass ich das jetzt auch noch schaffe. :) Recht hat er, also mach ich mich wieder auf dem Weg. 

 

Circa bei Kilometer 32/33 befinden wir uns nun an der nördlichsten Stelle des Marathons. Nicht mehr lange und es ist geschafft. Über die sehr lange Alsterkrugchaussee laufen wir in Richtung Eimsbüttel. Die Zuschauer werden wieder mehr und damit auch die Musik und Lautstärke. Jedes Klatschen, jeder Ruf mit meinem Namen ist nun wirklich Gold wert. Fast jeder muss jetzt beißen, denn das Ziel ist tatsächlich nicht mehr weit. Manchmal übermannt mich meine Gänsehaut, Tränen schießen mir tatsächlich in die Augen. Es ist alles überraschend emotional. 

 

Only six kilometers to go! Wohoooo! :) 


Bild by Renz Rotteveel


Am Klosterstern erreicht die Stimmung für mich den Höhepunkt während des Rennens. Die Streckenführung ist hier enger, die Zuschauer stehen noch dichter an der Strecke, klatschen mit Dir ab. Ich laufe wie durch einen Tunnel durch die Masse hindurch. Was für eine riesige Party.

 

Für einen kurzen Moment laufen wir nochmals an der Alster entlang, bevor es in Richtung Fernsehturm geht. Das Messegelände ist nicht mehr weit entfernt. Eine letzte Hürde: der Gorch-Fock-Wall. Elendig lang zieht sich dieser und das auch noch mit einer fortwährenden Steigung bis zum Ziel. Egal, das schaffe ich jetzt auch noch!

 

Eine letzte Kurve noch und schon erscheint der Zielbereich mit seinem knallroten Teppich. Geschafft, es ist geschafft! Lächelnd und stolz nehme ich im Zielbereich meine erste Marathon-Medaille in Empfang und weiß da schon, dass es nicht mein letzter Marathon war.


Zieleinlaufbild by Renz Rotteveel


Support - Tap here for power up


Ohne Support geht bei so einer langen Strecke nichts. Danke daher an Euch alle, die Support geleistet haben:

  • Bereits vor dem Rennen, denn ich glaube, dass ich in den letzten Wochen viel vom Marathon gesprochen habe. 
  • Während des Rennens durch das Rufen des Namens, durch Eure Musikbeschallung und durch ordentliche Klatscherei.
  • Virtuell habt Ihr mich begleitet, indem Ihr meinen Lauf in der App verfolgt habt.
  • Persönlich haben einige Freunde und Bekannte am Rand gestanden. Toll ist das besonders, wenn man sich sieht. Ich bin kurz stehen geblieben, hab Euch geherzt und weiter ging es.
  • Danke an alle Schilder mit dem kleinen Nintendo-Pilz. "Tap here to power up!" - Ich weiß nicht, wie viele Schilder ich abgeschlagen habe, es waren einige. 

 

Bild by Renz Rotteveel 


passt auf euch auf!


Bereits recht früh im Rennen höre ich überall in der Nähe Sirenen. Im Wallringtunnel steht ein Rettungswagen und auch später an der Strecke sehe ich Läuferinnen und Läufer, die medizinisch versorgt werden oder sich an die Absperrung lehnen, weil sie nicht mehr laufen können.

 

Einen Marathon zu laufen, ist eine enorme Belastung für den Körper. Jeder, der ins Ziel kommt, kann stolz und glücklich darauf sein, was sein Körper gerade geleistet hat - unabhängig von der Zeit!

 

Solltet Ihr mit dem Gedanken spielen, einen Marathon zu laufen, macht Euch folgendes bewusst:

  • trainiert vernünftig und überschätzt Euch nicht
  • lauft einen Marathon NICHT ohne Training
  • sprecht mit Eurem behandelnden Arzt, wenn Ihr Euch bei einer Teilnahme nicht sicher seid
  • geht nur gesund an den Start
  • trinkt auf der Strecke bereits, bevor der Durst kommt
  • wählt Eure Kleidung entsprechend dem Wetter
  • frühstückt am Renntag 
  • lauft langsam los und gestaltet die zweite Rennhälfte etwas flotter, wenn es geht

Habt Ihr noch weitere Tipps? Dann immer her damit und schreibt es mir!


noch einen marathon?


Ganz klar und definitiv: JA! Es wird es einen weiteren Marathon für mich geben. Ich hoffe, Ihr könnt auf den Bildern erkennen, wie viel Spaß ich hatte. Selbst auf Fotos, wo ich nicht wusste, dass ich abgelichtet wurde, lache ich. Es war tatsächlich eine einzige Party für mich.

 

Auch bin ich ohne großartige Blessuren davongekommen. Am Abend nach dem Rennen musste ich mich etwas um meine Achillessehnen kümmern und sie gut kühlen. Am nächsten Tag war das wieder in Ordnung und es kam lediglich ein ordentlicher Muskelkater in den vorderen Oberschenkeln hinzu. Das war es. Mehr nicht. Keine Blasen, keine offenen Stellen irgendwo, keine Übelkeit danach und ich konnte nach dem Lauf auch sehr gut schlafen. 

 

Dieses Jahr wird es allerdings keinen weiteren Marathon geben, aber ich möchte versuchen, mich für den Berlin Marathon 2019 anzumelden.

 

Eine Option wäre auch, in Hamburg nochmals zu laufen, aber ich habe es für mich anders entschieden. Ich möchte laufend Städte erkunden ohne Zeitdruck. 

 

Bei einem Marathon durch eine große fremde Stadt habe ich die Möglichkeit, viel zu sehen. Ich kann den Marathon mit einem Mini-Urlaub verbinden. Es geht mir bei einem Marathon nicht um neue Bestzeiten. So viel habe ich bei meinem ersten Marathon gelernt. Von einem perfekten Rennen und dem perfekten Renntag hängt so viel ab. Den Druck will ich mir für 42 Kilometer nicht machen. 

 

Lieber genieße ich auf 42 Kilometern die Eindrücke, die Stimmung am Rand und vielleicht auch einige Sehenswürdigkeiten.

 

Also: her mit Euren Städte-Tipps! Wo kann man einen schönen Marathon laufen und gleichzeitig eine tolle Stadt kennenlernen? Ich bin gespannt auf Eure Vorschläge.

 

Habt es fein, Ihr Lieben!