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Dir reichen 10-Kilometer-Läufe? Dann schau Dir den Bericht über meinen ersten Halbmarathon an und überdenke Deine Meinung!


Hella Halbmarathon - 25.06.2017


Hätte irgendjemand mich vor zwei Jahren gefragt, ob ich einen Halbmarathon laufen werde, hätte ich der Person einfach den Vogel gezeigt.

 

Gelaufen bin ich vor zwei Jahren zwar auch, aber mehr zum Mittel und Zweck. Was treibt einen an, sich eine 21,1 km lange Strecke anzutun? Wie sieht das Training dazu aus? Wie geht man mit Zweifeln an der eigenen Leistung um?

 

Was empfindet man, wenn man knapp zwei Stunden vor sich hin rennt? 

 

Das sind nur ein paar Fragen, die ich Euch in diesem Artikel beantworten möchte.

 

 

 


Was ein Sinneswandel alles ausmachen kann


Im September 2016 bin ich meine bis dato längste Strecke gelaufen - knapp 13 Kilometer. Heute kann ich kaum beschreiben, was danach durch meinen Kopf ging. Ich war stolz, euphorisiert und erstaunt, was mein Körper mit Training schafft. "Da geht noch mehr!" - Das waren meine ersten Gedanken. Also setzte ich mich hin und machte mir einen Plan. Direkt an einen Halbmarathon habe ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht gedacht, aber ich wollte dem kommenden Laufjahr 2017 eine Struktur geben.

 

Der Jahreswechsel 2016/2017 kam und mit ihm die Bramfelder Winterlaufserie. Hier schaffte ich meinen nächsten Meilenstein - 15 Kilometer in unter einer Stunde und 30 Minuten. Das war dann wirklich der Zeitpunkt, wo ich ihn aussprach, diesen Satz, der noch viel mehr verändern sollte: Ich laufe noch dieses Jahr einen Halbmarathon. Bäm! Wieso entscheidet man sich für solch eine sportliche Aktivität? Ich kann hier nur für mich sprechen. Es ist eine Herausforderung für mich, neue Dinge auszuprobieren. Was kann mein Körper mental und physisch leisten? Auch macht es mir irre viel Spaß, nach einem Plan zu trainieren, Trainings abzuhaken, Struktur zu haben. Weltklasse! 

 

Schnell war auch ein passender Wettkampf gefunden. Es sollte der Sachsenwaldlauf in Schwarzenbek am 10.09.2017 werden. Sollte eigentlich, aber.....


Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt


Im März endete die Bramfelder Winterlaufserie und mein Training bekam tatsächlich mehr Struktur. Mittlerweile trainierte ich nach einem festen Plan, um meine 10-Kilometer-Zeit zu verbessern. Fast jeden Sonntag kam ein langer Lauf noch hinzu. Die Routine bekam mir super. Nebenbei bemerkt konnte ich mit diesem Plan meine 10-Kilometer-Zeit tatsächlich verbessern. 

 

Und dann kam der 14.04.2017 - Karfreitag. Andere schlagen sich beim Osterfrühstück bei Muttern den Bauch voll. Und was mach ich? Keine Ahnung, was mich da geritten hat. Eigentlich habe ich etwas gemacht, was man nicht machen soll - vor dem Halbmarathon-Wettkampf im Training die komplette Streckenlänge laufen. Es war einfach Neugierde, die mich dazu trieb. An diesem Tag stieg ich in die S-Bahn, um dreimal um die Alster zu laufen. Wieso gerade diese Strecke? Ganz einfach: hier fühlte ich mich sicher,. Wenn ich meinen Plan hätte abbrechen müssen, wäre es nur ein Katzensprung bis zu einer U- oder S-Bahn-Station gewesen. 

 

Zu einem Abbruch kam es nicht. Nach jeder absolvierten Runde gab es eine kurze Pause, etwas Wasser aus meinem Trinkrucksack und ein Gel. Zack - waren die drei Runden um. Ein Blick auf meine Garmin-Uhr verriet mir, dass ich 22.59 km gelaufen war. Party im Herzen und im Kopf. Wie geil ist das denn? Zu Hause angekommen habe ich mich noch vor der verdienten Dusche an den PC gesetzt und mich für den Hella Halbmarathon angemeldet. Bis September konnte und wollte ich nicht warten. Ich hatte einfach komplett Bock, jetzt, sofort, einen offiziellen Halbmarathon zu laufen.



Mein Training zum Hella Halbmarathon


Ab diesem Tag hatte ich noch 71 Tage Zeit, mich weiter auf den Hella Halbmarathon vorzubereiten. Ich wälzte Laufbücher, Laufberichte, plante mein Training. Meine Wochen sahen wie folgt aus:

 

Montag: Restday

Dienstag: lockerer 8,5 km-Lauf mit dem Runnerspoint Run Club

Mittwoch oder Donnerstag: Intervalle oder ein schneller kürzerer Lauf

Freitag: 10-12 km im mittleren Tempo

Samstag: Restday

Sonntag: Longrun

 

In der letzten Woche vor dem Halbmarathon schraubte ich das Training runter und gönnte meinen Beinen Ruhe.

 

Ich möchte betonen, dass dieser Plan für mich ok war. Jeder von Euch sollte sich seinen eigenen individuellen Plan machen. Jeder Körper tickt anders, wir haben alle unterschiedliche Trainingszustände. Vielleicht muss der eine oder andere sich auch vor einem Halbmarathon einen ärztlichen Rat einholen. Was ich sagen will: vergleicht Euch nicht, sondern macht Euer eigenes Ding. 


Dann kam er, der Wettkampftag


Und schwupps war er da, der 25.06.2017. Wer hatte bloß den Kalender so schnell vorgespult? Die Woche vor dem Lauf hatten zwar meine Beine Ruhe, aber mein Kopf lief auf Hochtouren. Das Gedankenkarussell kreiste unerbittlich: hast Du genügend trainiert? Deine rechte Achillessehne meckert doch irgendwie dauernd, oder? Welche Zeit willst Du laufen? 

 

Es war anstrengend, diese Kopfarbeit. Dagegen habe ich auch bis heute kein Rezept gefunden. Wer also eine Idee hat, bitte melden. Aber es nützte ja nichts, gelaufen werden musste trotzdem. Zum Glück hatte ich genügend Unterstützung an der Strecke: mein Ehemann, meine Eltern und unsere besten Freunde hatten sich für einen Support an der Strecke angekündigt. Außerdem liefen viele Freunde vom Runnerspoint Run Club mit. Das half, die Aufregung etwas im Zaum zu halten.

 

Der Wettkampf-Tag startete perfekt. Ich kam pünktlich aus den Federn, das obligatorische Nutella-Brötchen mit Banane schmeckte wie immer und ich war in der glücklichen Lage, vor dem Lauf nicht die Dixies benutzen zu müssen.  Wieso sind gerade solche banalen Dinge wichtig? Ich kann es Euch verraten: jeder Läufer-Magen-und-Verdauungstrakt tickt anders. Auch hier gilt für Euch: testet aus, was Eurem Magen vor einem langen Wettkampf gut bekommt. Ich kann zum Beispiel kein Müsli oder Schwarzbrot essen. Dann gibts Magengrummeln auf der Strecke und so was versuche ich tunlichst zu vermeiden. Denn gerade in solchen Momenten steht kein Dixie am Straßenrand.

 

Zurück zum Start mitten auf Hamburgs sündiger Meile - der Reeperbahn. Neben schwankenden Nachtschwärmern an diesem Morgen, traf ich hier viele bekannte Gesichter. Das gleiche Schicksal vereint uns Menschen immer und so konnte ich mir bei jedem Trost, Zuspruch und Motivation abholen. Umgekehrt lief das ganze natürlich auch ab. Herrlich - diese Läufergemeinschaft. Wir ticken da irgendwie alle gleich.


Der Start und die ersten 10 Kilometer


Kennt Ihr das Gefühl am Start? Irgendwie scharrt jeder mit seinen "Hufen". Ich zupfe an meinen Klamotten und werfe alle zehn Sekunden einen Blick auf meine Garmin-Uhr. Ist sie startbereit? Hat sie ein GPS-Signal gefunden? Natürlich hat sie das, aber Kontrolle - alle zehn Sekunden - ist besser. :)

 

Dann ertönt weit vorne ein Startsignal. In meinem Startkorridor (Zielzeit 2:14) ist die Aufregung jedes einzelnen so spürbar. Es wird kaum gesprochen, jeder schaut nach vorne und dann setzt sich nach einer gefühlten Ewigkeit auch unser Startblock in Bewegung. Noch gehend überschreite ich die piepsende Zeitmessmatten und betätige den kleinen roten Knopf an meiner Uhr - den Startknopf. Endlich geht es los.

 

Insgeheim hatte ich mir gewünscht, unter zwei Stunden ins Ziel zu kommen, aber mir wird an diesem Tag schnell klar, dass diese Mission heute nicht zu erfüllen ist. Zu Beginn ist eine elend lange Steigung zu laufen. Ich hasse Steigungen. Also nehme ich mir sehr früh im Rennen vor, locker und nach Gefühl zu laufen und die Stimmung zu genießen. Ein guter Plan.

 

Zwischen Kilometer acht und neun ist das Foto links entstanden. Ich sehe meine Eltern und Andreas. Was für ein Push. Lächelnd winke ich allen zu - es geht mir blendend und die Hälfte der Strecke ist schon fast geschafft.

Die nächste Verpflegungsstelle nehme ich mit. Ein kurzer Schluck Wasser tut gut und den Rest kippe ich mir in den Nacken. Brrrrr...kalt, aber ich bin hellwach!


Kilometer elf bis Fünfzehn


Irgendwo zwischen Kilometer elf und zwölf brüllt jemand meinen Namen. Das kann eigentlich nicht sein, denke ich mir, aber da sehe ich zum Brüllen vier aufgeregt, winkende Hände. Meine besten Freunde stehen am Streckenrand, irgendwo in der Nähe der Hafencity. Wie cool, denke ich mir. Das ist großartig. Also wird fleißig zurück gewunken und ein Schumi-Daumen entgegengestreckt - alles locker bei mir. #läuft

 

Und dann kam der Wallringtunnel. Dies ist ein ca. 550 Meter langer Straßentunnel in Hamburgs Innenstadt. Beim Reinlaufen wummert es irgendwo - Bässe, Musik, Geklatsche, Lichter. Was ist denn da los? Plötzlich klatschen alle um mich herum im Takt. Keine Ahnung wer angefangen hat, aber ich mache mit. Die Musik wird lauter, es wird gepfiffen und gerufen. Die Akustik des Tunnels gibt diesem Moment den Rest - ich hab Tränen in den Augen und eine Gänsehaut am ganzen Körper. Was für ein toller Moment. Hier, irgendwo bei Kilometer vierzehn oder fünfzehn realisiere ich langsam, was ich hier gerade mache. Kurz vor dem Tunnelausgang sehe ich die Musikquelle: ein DJ hat sein Pult aufgebaut. 


Das letzte Drittel


Es geht Richtung Außenalster. Die Außenalster ist DIE Laufstrecke in Hamburg. Macht ein Läufer in Hamburg Urlaub, wird er garantiert einmal um die Außenalster laufen. Das sind 7,4 km in der schönsten Stadt der Welt. Niemand sollte sich das entgehen lassen. 

 

Beim Hella Halbmarathon laufe ich nur eine Hälfte der Alster ab. Ganz herum muss ich heute nicht. Bei Kilometer sechzehn verzehre ich mein Gel, was die ganze Zeit hinten in der Schlüsseltasche meiner Laufhose steckte. Weiter geht es. Die Kilometer zähle ich nun runter. Weit ist es nicht mehr bis zum Ziel. Plötzlich schreit wieder jemand meinen Namen und winkt mir wie wild zu. Eine Lauffreundin vom Runnerspoint Run Club steht am Streckenrand und wir klatschen uns ab. 


Es stehen so viele Leute mittlerweile am Streckenrand - Wahnsinn. Und jeder wird angefeuert.

 

Bei Kilometer neunzehn in etwa komme ich an einen weiteren Lauffreund aus dem Runnerspoint Run Club vorbei. Seine Frau läuft ebenfalls heute ihren ersten Halbmarathon. Er schießt dieses wunderbare Foto.

 

Danke nochmals dafür. Ich glaube, man sieht mir an, was für einen Spaß ich habe. Ja, einen Halbmarathon zu laufen macht Spaß!

 

Aber, ja jetzt kommt ein ABER, so gar ein großes. Zu diesem Zeitpunkt und damit so kurz vor dem ersehnten Ziel, laufe ich an vielen Läufern vorbei, die mitten auf der Strecke medizinisch versorgt werden. Die Gründe kenne ich nicht. Urteilen kann ich ebenso wenig darüber.

 

Eines aber ist für mich klar: nie werde ich einen Wettkampf so bestreiten, der mich nur ansatzweise in solch eine körperliche Lage versetzt. Laufen ist mein Hobby und es soll Spaß machen für mich. Punkt. Lächelnd ins Ziel kommen und sich dabei wohl fühlen. 

 

Zurück zu meinen letzten Metern: Ein Blick auf meine Uhr verrät mir, dass meine Zeit super ist. Zwar nicht unter den ersehnten zwei Stunden, aber das kratzt mich wenig, denn ich genieße auch diese letzten Meter.

 

Um mich herum viele Läufer, die ebenfalls mit einem Lächeln im Gesicht laufen. 

 

Jeder von uns ist froh, wenn er es gleich geschafft hat und die Medaille um den Hals gehängt bekommt. 

 

 

 

Foto by Marcus Bey (Instagram: marcus.hamburg)


Erneut höre ich meinen Namen. Huch, wer steht denn hier? Meine besten Freunde, die mich bereits irgendwo bei Kilometer elf oder zwölf angefeuert haben, stehen tatsächlich kurz vor dem Ziel. Das gibt nun wirklich nochmal richtig Motivation, so dass ich innerlich feiernd weiter laufe.

 

Und da ist sie schon - die Zielgerade. In der Ferne gut zu erkennen. Suchend schweift mein Blick beim Laufen über die Zuschauer und da sehe ich sie, meine Eltern und mein Ehemann. 



Ich reiße meine Arme hoch. Diesmal will ich auch so ins Ziel laufen, mit erhobenem Haupt und Armen. Stolz bin ich. Und wie. Ich laufe über die Zeitmessmatte und stoppe schnell meine Uhr. Wo gibt es die Medaillen? Da! Wunderbar, das fehlt jetzt noch zum absoluten Glücksgefühl. Mein erster Halbmarathon - geschafft! Nach zwei Stunden und vier Minuten bin ich im Ziel. 

 

Bevor ich mir Gedanken darüber machen kann, was ich soeben geleistet habe, befinde ich mich in der Zielverpflegung schwimme mit der Masse Stückchen für Stückchen mit Richtung "Ausgang". Dort warten alle auf mich, mein Mann, meine Eltern und meine besten Freunde. Es wird geherzt und geknuddelt und auch gestaunt - ich scheine für die Strecke, die ich gerade gelaufen bin, recht entspannt auszusehen. Perfekt, denke ich mir. Genauso wollte ich es ja haben. 



Fazit und der Tag danach


Geil, denke ich mir, ich bin ein Halbmarathoni! Wohoooo! Aber auch: Oh man. Beim Marathon musst Du das doppelte an Strecke bewältigen. Egal. Auch das klappt. Der Hella Halbmarathon war ein wunderbarer erster offizieller Halbmarathon. Eine tolle Strecke mit mega Stimmung am Streckenrand und das alles fast vor meiner Haustür. Für 2018 bin ich bereits wieder angemeldet. 

 

Der Tag nach dem Halbmarathon ist ein Tag wie jeder andere auch. Ich habe keine Baustellen zu verzeichnen. Nichts tut weh. Klar sind die Beine und auch mein Kopf etwas müde und zwei oder drei Tage Pause werden das richtige sein, aber sonst? Alles top. 

 

Wollt Ihr einen Halbmarathon laufen? Tut es! Bereitet Euch vernünftig vor und meldet Euch bei einem Lauf an. Schreibt mir gern ein Feedback, was Ihr von meinem ersten Halbmarathon haltet. Habt Ihr weitere Fragen? Dann gern her damit und vergesst nicht: Macht es Euch hygge!